Louis-Charles, Janine und Pedro in Tazoult

Ich lege mich endgültig fest: Agadir hat mit dem eigentlichen Marokko nichts zu tun und im Nachinein betrachtet, war der weitere Tag Agadir ein Fehler. Zu Beginn der Fahrt in Richtung Osten lagen noch gute Straßen vor mir, auf denen ich Kilometer für Kilometer gesehen und gespürt habe, dass ich meinem Ziel näher komme. Es wurde staubiger, es wurde trockener und es wurde heißer. Die ca. 200km lange Etappe war von daher auch zu optimistisch geplant und ich war erleichtert, als ich den Campingplatz erreicht habe. Campingplätze in Marokko sind übrigens nicht annähernd mit europäischen Anlagen zu vergleichen. I.d.R. handelt es sich um ein abgesperrtes Gelände mit ein paar Bäumen, auf denen Wohnmobile stehen können. Duschen funktionieren – wenn überhaupt – mit tropfendem, kalten Wasser, das nicht immer als Wasser zu bezeichnen ist. Diesmal hatte ich Glück, denn die Dusche war in Ordnung und das Gelände geht als absolut OK durch. Wenn ich oft über Franzosen und deren Manieren oder Mentalität geschimpft habe, muss ich mich verbessern. Zwei Gallier leisten erbitterten Widerstand! Louis-Charles und Janine sind zwei Menschen, deren Kennenlernen ich als eines der positiven Erlebnisse dieser Reise verbuche. Beim Suchen nach einem geeigneten Platz war Louis-Charles gleich aktiv behilflich, während seine Frau Janine einen Tee für mich machte. Beide sprechen kein Wort deutsch und kein Wort englisch. Wir unterhielten uns mit Händen und Füßen und es war ok. Irgendwie verstand ich was Janine mir sagte und wenn ich es einmal nicht tat, hat sie es aufgemalt. Louis-Charles war ein Typ Mensch, der immer etwas zu tun haben musste. Waren es nicht die Heringe an seinem Zelt, dann waren die an meinem Zelt dran. Er lief durch die Gegend, suchte sich etwas zu tun und kam immer wieder zu mir und erklärte mir, was man hier alles sehen kann und was man unbedingt in Marokko gesehen haben muss. Am späten Nachmittag habe ich dann meine Koffer vom Tiger abmontiert und einen der Tipps von Louis-Charles „befahren“. Es waren schlechte Straßen, die bald nicht mehr als Straßen zu erkennen waren und es hat sich einfach nur gelohnt. Weg von jeder Zivilisation, einen Berg, dessen Namen ich nicht kenne hoch, runter und dann quer durch kleine Dörfer. Schon auf dem ersten Stück begenete mir Pedro (ich habe keine Ahnung, wie er wirklich heißt, er sieht eben nach einem Pedro aus), der seine Ziegenherde hütete und gerade eine junge Ziege wieder gefunden hat. Ich hielt an und merkte gleich, dass er wohl nicht sonderlich viel Kontakt zu fremden Menschen hatte. Er war schreckhaft, wich zurück und wirkte extrem eingeschüchtert. Mit etwas Abstand winkte ich erst und fragte dann, ob ich ein Foto machen darf. Übrigens eines der Dinge, die wir Touristen wirklich mal lernen sollten: Respektvoll Fragen und danach bedanken. Leider erlebe ich gerade bei uns Deutschen, dass wir im Urlaub Menschen wie Luft behandeln. Die Hauptsache ist, Sie geben ein „tolles Motiv“ ab, mit dem man dann daheim sagen kann: „Schau mal wie schlecht es denen geht!“ Pedro wirkte auf die Frage nach dem Foto plötzlich ganz anders. Ich glaube er hat sich gefreut. Er wollte weder Geld noch sonst etwas, hat sich lächelnd hingestellt und fast stolz die junge Ziege präsentiert. Mit Händen und Füßen habe ich dann versucht zu fragen, wozu die Tiere gehalten werden. In Zeichensprache sieht „melken oder essen“ übrigens seltsam aus, wie ich an seiner Antwort gesehen habe. Erst geht´s nämlich um die Milch und dann werden die Tiere gegessen. Ich bot ihm noch eine Zigarette an und bedankte mich für das Foto, bevor ich ein paar weitere Kilometer in das von Louis-Charles empfohlene nirgendwo weiterfuhr. Der Abend in dieser grünen Oase inmitten einer Wüstenlandschaft war schön, die Nacht verdammt kalt. Mit Schlafsack, T-Shirt und  Fleecepullover habe ich noch immer gefroren. An diesem Abend wurde mir klar, dass ich nur noch ein paar hundert Kilometer von meinem großen Ziel, den großen Sanddünen von Erg Chebbi, entfernt bin und mich jetzt nicht mehr viel aufhalten kann.

No Comments Yet.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


%d Bloggern gefällt das: